Liebeskummer ohne Publikum - „Wir wollen knutschen“

Seit dem ersten Lockdown steht Reinhold Florian ohne sein Publikum plötzlich vor einer Krise: Von welchem Geld soll er leben? Wer ist er ohne Bühne überhaupt? Ein bundesweites Projekt hilft ihm nun, sichtbar zu bleiben – und den Mut nicht zu verlieren.
















„Heute schminke ich mich eher dezent“, sagt Reinhold Florian. Er steht vor einem großen Spiegel in seinem Badezimmer im oberbayerischen Bruck und tupft mit einem rosa Schwämmchen Make-up auf sein Gesicht. Tupfen, nicht schmieren, so wie es ihm seine Maskenbildnerin gezeigt hat. „Normalerweise benutze ich mehr Glitzer“. Sein Kinn bekommt allmählich einen orangefarbenen Ton – und der Bartschatten verschwindet. Reinhold Florian ist Künstler, Schauspieler, Coach und war Weltmeister im Zaubern. Jeder kennt ihn eigentlich nur unter seinem Künstlernamen „Gaston Florin“. Normalerweise tritt der 52-Jährige auf großen und kleinen Bühnen in ganz Deutschland auf. Häufig als Jacqueline, eine Kunstfigur, die er selbst vor mehr als zehn Jahren erschaffen hat.

Auf dem Bild ist eine Kosmetiktasche mit verschiedenen Pinseln zu sehen.

Bis sich Gaston in Jacqueline verwandelt, dauert es eine Stunde. Er nimmt einen der 18 Pinsel aus seiner Kosmetiktasche und tupft ihn in Rouge, um sich höhere Wangenknochen zu schminken. Heute nimmt Jacqueline eine Gesangsstunde. Die Gesangsstunden sind Teil eines Rechercheprojekts, an dem er arbeitet. Das Bundesnetzwerk “Flausen+” startete im Herbst das Programm “Take-Care-Residenzen”. Die Teilnehmenden dürfen unter dem Dach eines Theaters an künstlerischen Projekten forschen. Das Besondere: Sie dürfen scheitern. Gaston ist einer von zwölf Künstlerinnen und Künstlern, die sich für das Meta Theater in Moosach mit ganz unterschiedlichen Projekten beschäftigen. Gaston will etwas machen, das er nicht kann: Bei seinem nächsten Event singen. 

Auf dem Bild ist ein Pinsel zusehen, der in Rouge getupft wird.

5.000 Euro bekommt Gaston im Rahmen dieses Projektes. Geld, das er gut gebrauchen kann. Denn im ersten Lockdown mussten sämtliche kulturellen Einrichtungen schließen, alle Veranstaltungen wurden abgesagt. Für Gaston eine Katastrophe – 90 Prozent seiner Einnahmen brachen einfach weg. Selbst danach wurde es nicht viel besser. Um die Folgen der Corona-Krise abzufedern, haben Bund und Länder umfangreiche Hilfsprogramme bereitgestellt. Im ersten Lockdown hat Gaston 9.000 Euro Soforthilfe bekommen – weil er Betriebskosten nachweisen konnte, da er unter anderem eine Sekretärin für seine Buchhaltung beschäftigt. Normalerweise haben Künstlerinnen und Künstler keine Betriebskosten und bekommen dann auch keine Soforthilfe.

Anzahl der Unternehmen in der Kultur- und Kreativwirtschaft in Deutschland (Quelle: Statista)
Im Jahr 2019 rund 258.800
Jährlicher Umsatz der Kultur- und Kreativwirtschaft in Deutschland (Quelle: Statista)
Im Jahr 2019 rund 174,1 Milliarden Euro
Erwartete Verlust durch Covid-19 in der Kultur- und Kreativwirtschaft in Deutschland (Quelle: Statista)
Bis zu 28 Milliarden Euro

Gaston muss sich schließlich Geld von seiner Familie leihen. Seine Frau nimmt mehrere Jobs an. Und Gaston selbst muss plötzlich in eine ganz andere Rolle schlüpfen: Statt auf einer Bühne zu stehen, ist er jetzt Hausmann, hilft seinem Sohn beim Homeschooling und übt mit ihm Mathe-Grundlagen. “Dann habe ich alles infrage gestellt“, sagt er. Plötzlich steckt er nicht nur in einer finanziellen Krise, sondern auch in einer identitären. Er muss sich plötzlich mit Fragen auseinandersetzen wie: „Was kann ich eigentlich? Wer bin ich? Wer bin ich ohne Bühne?“. Das Gesangs-Projekt hilft ihm jetzt, gibt ihm Struktur, motiviert ihn, jeden Morgen aufzustehen und positiv zu bleiben. 

 

 

 

Mit schnellen kurzen Strichen zieht Gaston seine Augenbrauen nach, damit sie länger und voller wirken. Etwa 20 Minuten sind bisher vergangen. Mittlerweile sind seine Gesichtszüge weicher, seine Gestik femininer. Um während der Pandemie auch ohne Auftritte sichtbar zu bleiben, musste sich Gaston etwas einfallen lassen. Deshalb veröffentlicht er seine Gesangsstunden auf seinem YouTube-Kanal. Dort dokumentiert er auch Fehler. So soll der digitale Raum menschlicher werden, hofft Gaston. Dafür hat er sich selbst beigebracht, wie man Videos aufnimmt und schneidet.

Für die Barrierefreiheit: Das Bild zeigt Gaston vor einem Spiegel. Verschiebt man einen Balken, kann man ihn sowohl geschminkt als auch ungeschminkt sehen. 

Wir brauchen Kunst, um mit der Welt zurechtzukommen. Kunst findet Antworten.

Gaston Florin

Gerade in Krisen ist diese Branche besonders wichtig: „Wir brauchen Kunst, um mit der Welt zurechtzukommen. Kunst findet Antworten.“ Was der Kunst gerade allerdings fehle, ist das Publikum. „Wir wollen knutschen“, erklärt Gaston. Er will das Publikum riechen und anfassen können, verliebt sein dürfen. Ihm fehle das Feedback seiner Zuschauerinnen und Zuschauer. Er ist sich nicht sicher, ob das, was er auf YouTube lädt, gut ankommt oder nicht. „Ich bin ausgehungert nach Publikum!“. Nach der Pandemie will Gaston noch näher am Publikum dran sein. In Zukunft, glaubt er, wird es bei Veranstaltungen noch mehr um Begegnungen gehen.

Normalerweise interagieren sowohl Gaston als auch Jacqueline viel mit dem Publikum und holen es auf die Bühne, integrieren es ins Programm. Jacqueline soll dabei auch Genderfragen aufwerfen, Repräsentation und Vielfalt schaffen. Um eine weiblichere Taille zu bekommen, helfen Gaston Body, Korsett und High Heels. Zum Schluss setzt er eine blonde Perücke auf. Immer ab diesem Moment ist Gaston voll und ganz Jacqueline: Die Stimme ist heller, der Gang dynamischer, die Gestik und Mimik femininer – wie eine Grand-Dame aus dem französischen Cabaret. Das schafft er mithilfe einer Technik, die er beim Schauspielunterricht gelernt hat: Masken-Trance. Jaqueline ist selbstbewusster, humorvoller und auch ein bisschen frecher. „Beim Singen kann ich Corona vergessen“, sagt sie. „Bonjour mon amour!“, begrüßt Jacqueline ihren Gesangslehrer Götz Hünnemeier. Es ist ihre zweite gemeinsame Gesangsstunde. Heute proben sie eine rockige Version von Zarah Leanders „Kann denn Liebe Sünde sein?“. Das Studio ist bereits fertig dekoriert, die drei Kameras und der Ton laufen.

Auf dem Bild ist Jacqueline zu sehen, die vor einem Spiegel steht und Puder aufträgt.

„Kann denn Liebe Sünde sein? // Darf es niemand wissen, // Wenn man sich küßt //“ – Jacqueline ist voll in ihrem Element. Mit französischem Akzent singt sie in eine der drei Kameras. Götz unterbricht den Gesang, der Rhythmus stimmt noch nicht ganz. „Aber das kriegen wir noch hin“, versichert er. Nach der Gesangsstunde setzt Jacqueline die blonde Perücke ab und aus Jacqueline wird wieder Gaston – und er kümmert sich wieder um die Mathehausaufgaben seines Sohnes und um den Haushalt. 

Hier können Sie die Gesangsstunde noch einmal miterleben:

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